Svenja Liesau und Julia Riedler

Zweisamkeit

Leonie Böhm und Ensemble: Noorrrraaaaaaaa

Theater:Maxim Gorki Theater, Premiere:12.09.2021 (UA)Vorlage:NoraAutor(in) der Vorlage:Henrik IbsenRegie:Leonie Böhm

Am Bühnenrand sitzt ein Mann (Stefan Czura) an der Harfe. Gleich zu Beginn greift er in die Saiten, die beiden weiß geschminkten und gewandeten (Kostüm: Magdalene Schön und Helen Stein) Darstellerinnen Svenja Liesau und Julia Riedler singen zart dazu. Dann beginnt Julia Riedler ausgesprochen leise zu ihrer Partnerin von Angst zu reden und davon, dass sie nun reden müsse. Es folgt ein langer, intensiver und dabei eher zarter Schrei der verzweifelten, traurigen Clownsgestalt.

Leonie Böhms Ibsen-Umschreibung „Noorrrraaaaaaaaa“ lädt das feministische Urstück von 1879 – anders als der Titel zunächst vermuten lässt – keineswegs mit neuem Furor auf, sondern verlegt den Konflikt zwischen der bislang unterwürfigen Ehefrau und ihrem ignoranten Gatten eher ins Innere der Heldin. Ausgehend von der finalen Szene zwischen den Ehepartnern spricht hier Julia Riedler ein Beziehungsproblem an, ohne es genau zu artiklulieren. Svenja Liesau ist ein feminines Gegenüber, das sensibel und verständnisvoll reagiert, traditionelle Geschlechterrollen spielen keine Rolle mehr. Die Vorgeschichte der beiden wird nur kurz von Riedler angedeutet, als sie kurz durch eine offene Tür am Bühnenrand Frau Linde und Doktor Rank erzählerisch Eintritt gewährt, sie aber schnell wieder aussperrt. Mit Hilfe der Harfe und des luftigen Bühnenbodens (Zahava Rodrigo), der mit Luft aufgeblasen zum Wolkenboden wird, und mit viel gegenseitiger Geduld kriegt das Paar die Kurve, spielt gar im Finale – nun baumelt der Boden als Schwung und Halt gebende große Girlande von der Decke herab – noch einmal Hochzeit.

Die wundersame Wende schafft das Paar mit Worten, die eigentlich das „Loser“-Pärchen in Ibsens Text, Linde und Krogstad, nutzen, dass nämlich zwei Schiffbrüchige sich besser ganz zusammentun. Böhm geht es um die wundersame Rettung aus einem Konflikt durch Empfindsamkeit und Empathie; auf dem Programmzettel ist die Rede davon, die Bühne in einen „hoffnungsvollen soft space“ zu verwandeln. Allerdings bleibt das Problem des Paares vage. Zu sehen ist guter Wille und fast fernöstlich wirkende Behutsamkeit, aber kein dramatischer Konflikt, der durch die gesellschaftlich vorgeprägten Rollen und eine lange persönliche Vorgeschichte nicht ohne weiteres lösbar ist. Das macht die knapp 90 Minuten etwas zäh.

Andererseits agieren die beiden Darstellerinnen durchaus überzeugend; besonders Julia Riedler gelingt es, ihr Mit-sich-Hadern differenziert zu zeigen und zu artikulieren. Das Spiel wirkt so ungewöhnlich glaubwürdig und intim – könnte allerdings genauso gut das Treffen zweier mit sich und ihrer Beziehung ringender Teenager abbilden. Auch die Verbindung der beiden zum Harfenisten und zum Publikum ist – abgesehen von kurzen spielerischen Brüchen – von Nähe und Respekt geprägt. Ob diese „Neuaktivierung“, so das Programm, von Ibsens „Nora“ therapeutisch einen Weg in eine bessere Welt weist oder aber einen Baustein bei der Selbstaufgabe des Theaters durch Konfliktvermeidung darstellt, ist die spannende Frage, die sich nach „Noorrrraaaaaaaa“ stellt.

 

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