Szene mit Hannah Müller (Mitte), Sabine Fürst und Matthias Thömmes

Rutschbahn des Lebens

Philipp Löhle: Du (Norma)

Theater:Nationaltheater Mannheim, Premiere:12.11.2016 (UA)Regie:Jan Philipp Gloger

Die Bühnenwelt ist pinkfarben und flauschig. Sie besteht aus einem Riesenteppich, der sowohl den Boden bedeckt als auch die Rückwand bildet. In dessen Mitte ein Schlitz, durch den Norma in diese Welt geboren wird – in eine Welt der klar definierten Geschlechterrollen, an denen individuelle Charaktere scheitern können. Also in eine Existenz, die alles andere ist als pinkfarben und flauschig wie das Bühnenbild von Prisca Baumann. Philipp Löhle, der mehrfach preisgekrönte ehemalige Hausautor des Nationaltheaters Mannheim, knüpft mit seiner Auftragsarbeit „Du (Norma)“ an „Du (Normen)“ von 2013 an. Letzteres war das Porträt eines Mannes, der sich zum skrupellosen Ausbeuter entwickelt. Das neue Stück gleicht keinem Täter-, sondern einem Opferprofil. Gezeigt wird, „wie das so ist, wenn man nichts mehr auf die Reihe bekommt im Leben“. Als Frau.

In seinem biographischen Kaleidoskop greift Löhle weit zurück zur biblischen Genesis, in der Norma (nicht Eva!) aus der Rippe des ersten aller Männer entsprungen ist. Sie ist der Prototyp aller Frauen und beschwört das mythische Abhängigkeitsverhältnis: erst der Mann, dann die Frau; erst „Du (Normen)“, dann „Du (Norma)“. Löhles flotter biografischer Bilderbogen ist reich an Klischees über Girlie-Repressionen im Krabbelalter, über die Frustrationen des weiblichen „Pubertiers“, über frustrierende Erotik inklusive Gruppenvergewaltigung bis hin zu einer Gesellschaft, die das Opfer Norma als Schlampe abstempelt. Abgleiten in die Drogensucht, gescheitertes Studium und Prostitution – all dies zieht Norma in einen Abwärtsstrudel, aus dem sie, was Wunder!, ein reicher Kerl rettet – ähnlich wie weiland Richard Gere im Hollywood-Märchen „Pretty Woman“ die auf die horizontale Bahn geratene Julia Roberts aus dem Rotlichtmilieu holt. Auch diesen Filmmythos streift Löhle. Aber bringt diese Rettung durch einen reichen, dauergrinsenden Kerl den Triumph der Freiheit und femininen Selbstbestimmung mit sich? Mitnichten. Ein Pistolenschuss knallt im Epilog durch die Nacht. Kein Selbstmord, wie man vermuten könnte. Vielmehr bricht Norma Knall auf Fall in ein neues Leben auf: „Aus – aber nicht für mich“, lauten ihre letzten Worte nach dem Schuss. Der flauschige Teppich fällt, und das Bühnendunkel dahinter verheißt eine neue Zukunft

Sprachwitz und Pointen sorgen dafür, dass sich dieses Kaleidoskop an Rollenklischees zu einem schillernden Charakterbild entwickelt. Teils zwar wie ein düsterer Comic angelegt, dies aber mit mythologischer Unterfütterung von der Bibel bis zum Hollywood-Schinken und mit feinem Gespür für die derzeitige Genderdebatte. Jan Philipp Gloger inszeniert Löhles Rutschbahn des Lebens ohne Hetze, ohne falsches Sentiment. Mit Hannah Müller ist ihm ein richtiger Besetzungscoup gelungen. Eine ideale Norma. Sie ist in der Lage, große Gefühle oder gallige Bitternis in auch nur kleinsten szenischen Momenten zu transportieren. Als Trabanten um sie herum agieren in den Rollen „all der anderen“ Sabine Fürst, Fabian Raabe und Matthias Thömmes: mal als Eltern, mal als Spielgefährten, allerbeste Freundin, WG-Gefährten, Peiniger oder vermeintlicher Retter. Per Mikrophon übernimmt das Trio auch die Erzählerfunktion und spricht zwischendurch die Gedanken, Ängsten und Wünsche Normas aus. Löhles Rollenfutter, diese Prophezeiung sei gewagt, werden vermutlich noch etliche Schauspielerinnen aus anderen Häusern auftischen wollen.

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