Szene aus "Popcorn"

Glitzernde Welt vor dunkler Einsamkeit

Carina Eberle/Sonja Karadza/Julia-Sofia Schulze: Popcorn oder wie Julia sich der Einsamkeit stellt

Theater:Theater im Marienbad, Premiere:06.05.2022 (UA)Regie:Carina Eberle

Einsame Jugendliche – gibt es die überhaupt? Wenn sich nach einer Umfrage 20 Prozent der Bevölkerung einsam fühlen, dann trifft es nicht nur die Alten einer Gesellschaft, sondern zieht sich quer durch alle Generationen. Aber: wie gehen junge Menschen damit um?

Am Freiburger Theater im Marienbad setzen sich Schauspielerin Julia-Sofia Schulze, Regisseurin Carina Eberle und Dramaturgin Sonja Karadza mit dieser Frage auseinander. Auf der von schwarzen Vorhängen eingerahmten Bühne dominiert eine Schaukel. Ansonsten gibt es in diesem von Bernhard Ott geschaffenen Raum nur sieben weiße rechteckige Kästchen (und ein kleiner quadratischer). Was nach Showroom aussieht, wird auch erst einmal so bedient. Zu „No Roots“ von Alice Morton tanzt Schulze die Posen, in der man ganz bei sich ist, um im nächsten Augenblick wie eine Influencerin ihr unbekanntes Publikum zu begrüßen: „Hallo Freiburg!“ – Auch wenn sie online so vernetzt ist und zu so vielen Menschen spricht, ist sie einsam.

Humor und große Fragen

In immer neuen Anläufen versucht sich Julia Sofia Franziska eine Welt zu erschaffen, in der ihre Einsamkeit überwunden werden kann. Sie träumt von Liebe, ganz kitschig, tanzt Insta-Posen, aber mit der Zeit fällt es ihr immer schwerer, ihren Status durchzuhalten. Nun taucht im letzten Drittel des Klassenzimmerstücks auch der Begriff „Einsamkeit“ selbst auf, wird vom „Ministerium der Einsamkeit“ in London erzählt oder vom Alleinsein in Las Vegas. Es gelingt dem Autorenteam, die von den Sozialen Medien vermittelten Glitzerträume in der Geschichte der Julia Sofia Franziska mit der realen Erfahrung ihrer Situation zu verbinden, ohne mit der pädagogischen Peitsche auf sie und dem Publikum einzuschlagen. Dafür hat Schulze auch viel zu viel Humor und Schlagfertigkeit: Man empfindet Empathie, aber kein Mitleid mit dieser Figur.

Was Schulze in diesem Solostück leistet, ist enorm und grandios komödiantisch die Szene, in der sie das Großhirn mit einzelnen Körperteilen kommunizieren lässt. In ihrem Spiel muss sie von einer Situation zur anderen springen. Zumeist hilft ihr Musik dabei, die neue Atmosphären schafft, aber manchmal wird der Sprung szenisch nicht vorbereitet. Überdeckt wird die Willkürlichkeit mancher Aktionen durch die Metaphorik des Titels „Popcorn“ als Chiffre für jene glitzernde Welt, die ein Kinobesuch verspricht. Gleichzeitig stellen sich philosophische Fragen wie: „Warum poppen Maiskörner zu unterschiedlichen Zeiten?“ oder gesellschaftskritische wie „Warum bleiben manchmal ganze Körner als Satz am Boden liegen?“

Julia-Sofia Schulze macht sich in „Popcorn“ auf die Reise in die glitzernde Scheinwelt der Social Media-Kanäle, die ihre Einsamkeit nicht aufheben, ja, nicht einmal verschönern können. Was bleibt? Sie lernt sich ihrer Einsamkeit zu stellen, erfindet nun ihre eigenen Tanzposen: Wie zu Beginn endet die Aufführung mit „No Roots“. Zuvor aber sind die schwarzen Vorhänge abgenommen worden. Der Raum erstrahlt nun in Weiß. Ein Mutmach-Stück nicht nur für Menschen ab 13 Jahren.

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