Im Heerlager der Heiligen: Katharina Bach, Andreas Vögler, Stefan Graf, hinten: Michael Schütz, Daniel Christensen

Endzeit-Zombies

Jean Raspail: Das Heerlager der Heiligen

Theater:Ruhrfestspiele Recklinghausen, Premiere:04.05.2019 (UA)Regie:Hermann Schmidt-Rahmer

Rechte Verlierer flüchten gern in den Ästhetizismus. Das ist bei Ernst Jüngers berühmter Burgunder-und-Bomben-Passage in den „Strahlungen“ so; und das ist bei Jean Raspails Literaturprofessor Calguès im Roman „Das Heerlager der Heiligen“ nicht anders. Gänseleber, Ziegenkäse, Essigzwiebeln, feinste Weine, uralter Cognac – im Smoking zelebriert er den vermeintlichen Untergang westlicher Kultur. Auf der kleinen Bühne der Ruhrfestspiele ist eine Tafel in einer hochherrschaftlichen Gruft aufgebaut, eingerahmt von schwerem Gestein und mächtigen Balken (Bühne: Thilo Reuter). Mit dem Satz „Es wird alles so hässlich“ erschießt Calguès kurzerhand einen femininen, linksliberal schwadronierenden Jüngling, um sich dann mit einer Gruppe der letzten Aufrechten am vermeintlichen Bollwerk aus Esskultur und Rassismen zu delektieren. Ein Bollwerk, das dieser Trupp der selbsterklärten letzten Heiligen gegen eine „Armada“ aus Flüchtlingsschiffen und einen aufkeimenden Bürgerkrieg errichtet.

Jean Raspails Roman hat sich innerhalb kürzester Zeit zur Bibel der neurechten Szene entwickelt, weil er quasi die ankommenden Flüchtlinge des Jahres 2015 vorwegnahm. Die bereits 1973 erschienene groteske Dystopie, deren Titel auf die Offenbarung des Johannes anspielt, beschreibt die Flucht einer Million indischstämmiger Elendsgestalten auf klapprigen Schiffen nach Frankreich. Ohne einen Verweis auf soziale Fragen verweigert Raspails wilder Rassismus den Flüchtenden jeden individualistischen Zug, dichtet ihnen triebhafte Sexualität, Schamfreiheit und infernalischen Kot-Gestank an. Sie werden zur Herausforderung für die westliche Zivilisation erklärt, deren Institutionen Politik, Kirche, Militär Schule und Medien völlig verweichlicht seien. Im Streit zwischen Mahnern und Apologeten dominiert bald ein überbordender Humanismus – solange die Boote noch in weiter Ferne sind. In Raspails Blick mischt sich durchaus entlarvende Kritik an linksliberaler Hybris und gesellschaftlichen Institutionen mit einer allerdings sprachlos machenden nietzscheanischen Mitleidsverachtung und Feier der weißen Rasse. Darin liegt die Herausforderung an den Leser des Romans, vor die allerdings der Betrachter der Inszenierung bei den Ruhrfestspielen, die als Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt entstand, nicht mehr gestellt ist.

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer und Dramaturgin Marion Tiedtke, die anstelle der im rechten Antaios-Verlag erschienene auf eine eigene Übersetzung zurückgreifen, postulieren mit der Wahl einer locked-room-Situation in Endzeitchic, dass dabei die Neurosen freien Auslauf erhalten. Michael Schütz als Calguès diniert sich durch den Abend. Seine Rassismen fallen ihm zwischen den Gabelbissen automatisch aus dem Mund, bis er schließlich völlig überfressen und kackend auf dem Tisch landet. Raspails Kotmetapher wird mit Marco Ferreris konsumkritischem Film „Das große Fressen“ kurzgeschlossen. Xenia Snagowski häuft einen Berg kleiner Plastikpüppchen auf ihren Teller und beschreibt die Situation auf den Schiffen und die Landung am Strand der Côte d’Azur wie eine ekstatische christliche Vision, auf die aber niemand reagiert. Andreas Vögler und Katharina Buch steigern sich in eine wilde Selbstanklage hinein und postulieren ein neues Zusammenleben mit den Flüchtlingen. Der Plot des Romans zersplittert in Bruchstücke, die nur noch Futter für die Phantasmen delirierender Rassisten (und Linksliberaler) werden. Die beschriebenen Szenen bleiben im Nebel von realer und eingebildeter Bedrohung hängen. Da hilft auch die Einblendung des toten syrischen Jungen am Strand auf einem Bildschirm nicht.

Regisseur Hermann Schmidt-Rahmer zielt offenbar auf eine Psychopathologie rechter Propagandisten im Gefolge von Klaus Theweleit. So frönt Daniel Christensen einem Waschzwang, während er über die Medien herzieht, die Kolonialzeiten preist und voller furchterfüllter Wehmut feststellt: „Niemand hat mehr Angst vor uns!“ Später wird er als gestählter Befehlshaber einer Spezialeinheit der Marine von der Weigerung der Soldaten berichten, auf die Flüchtlingsschiffe zu schießen. Das Personal in Abendrobe und mit hart konturierten Gesichtern wirkt gelegentlich wie ein Gruselkabinett von Endzeit-Zombies, die im dunklen Keller ihre Phantasmen austoben. Es ist letztlich diese Form der theatralen Ästhetisierung, die jede Form von Differenz unterläuft: Kritik an rechtem Rassismus, an linksliberalen Träumen, Verweis auf Flüchtlings-Gegenwart oder auf ökonomische Folgen der Globalisierung verschmelzen zu einer Haltung, deren Zielpunkt das Pathologische ist. Damit verfehlt die Inszenierung nicht nur den Roman, sondern letztlich auch die Gegenwart.

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