Foto: Devid Striesow, Lina Beckmann, Kristof Van Bove und Sebastian Blomberg © Monika Rittershaus
Text:Detlev Baur, am 28. September 2026
In den Teilen II und III von Roland Schimmelpfennigs neuer Antikenserie „Fremde Sonne“ steht Medea als Täterin und Opfer im Mittelpunkt. Wie schon im ersten Teil überzeugt das Ensemble am Deutschen Schauspielhaus, mit Lina Beckmann im Zentrum.
Es beginnt mit einer kleinen Stuhlgruppe. Vier versehrt wirkende Gestalten sitzen vorne an der Rampe der weiten, fast leeren Bühne (Johannes Schütz). Sie arbeiten in Monologen und vereinzelten Gesprächen über die nächsten zwei Stunden ihre gemeinsame Vergangenheit auf. Medea (Lina Beckmann) und Iason (Devid Striesow) schildern ihre erste magische Begegnung.
Später spricht Medea über „das nackte, dicke Kind“, dessen Pfeil sie treffen wird, während ihr Bruder Absyrtos (Kristof Van Boven) nüchtern hinter Medeas plötzlicher Liebe die „Fahrkarte“ aus der abgelegene Heimat ins helle Hellas erkennt. Die furiose Lina Beckmann spielt eine intensiv Liebende, die mit dieser Verbindung alle familiären Bande gefährlich aufs Spiel setzt. Als künftiger Klotz am Bein des wenig stabil wirkenden Gold-Suchers Iason lässt sie schon im Voraus die Folgen dieser ungesunden Fixierung durchscheinen.
Zunächst schildert der am linken Rand sitzende Absyrtos aber die Ankunft des goldenen Widders am Ort und sein schnell folgendes Ende. Denn der Vater Aietes (Sebastian Blomberg), der vierte auf der Bühne ist ein durch und durch brutaler Mann. Wie so manches Götterkind aus Roland Schimmelpfennigs „Fremde Sonne“ – der Widder ist Sohn des Meeresgottes – ist Aietes als Sohn des Sonnengotts ein traumatisiertes Wesen. Sebastian Blomberg gibt ihn als teils dahindämmernden, teils mit Beil, Gewehr oder Pistolen herumfuchtelnden Diktator, der die glitzernde weiße Militärjacke gegen den Bademantel tauscht – und dann wieder vom Sohn geriatrisch betreut wird.
Der wurde wiederum vom wahnsinnigen Vater als Kind bereits zum Krüppel geschlagen. Van Boven ist im Quartett der Über-Sensible und spielt das grandios. Er hängt mit großer, auch inzestuöser Liebe an seiner Schwester Medea. Und wird am Ende von ihr und dem Eindringling Iason auf deren Flucht aus Kolchis getötet werden.
Die vier agieren konzentriert, spielen sich zunehmend in Rage, entwickeln in dieser Runde ihre schmerzlichen Geschichten. Wieder verbindet Schimmelpfennig virtuos Selbstgespräch mit Vorspiel der Vergangenheit. Am Ende sitzen der tote Bruder, das vom getöteten Bruder verfluchte Paar und der erschütterte Vater wieder vorne an der Rampe. Der neu komponierte antike Stoff beschreibt in der Uraufführung von „Medea in Kolchis“ beeindruckend Ursachen und Folgen innerer Verletzungen.
Teil III: Katastrophe mit Ansage und Täuschungen
Der dritte Teil des „Marathons“ – die Premiere des abschließenden Teils IV wird im Februar folgen – ist mit „Medea in Korinth“ keine Neukomposition eines Textes, sondern die Neufassung der Medea-Dramen des Euripides und Franz Grillparzers. Dessen Trilogie „Das goldene Vlies“ hatte Karin Beier 2008 bereits sehr erfolgreich am Schauspiel Köln inszeniert. Besonders im Gedächtnis geblieben ist die Cello-spielende Medea der Maria Schrader, die in der Zuspitzung der Tragödie das Instrument zertrümmerte.
Nun hat die Regisseurin das bekannte Drama um die im Exil vom Ehemann Verstoßene, und am Ende die gemeinsamen Kinder Tötende in größerem Rahmen inszeniert. Es beginnt zwar mit der auf einer halbfertigen (oder halbabgerissenen) Mauer liegenden Medea (Lina Beckmann), die von Anfang an wenig Optimismus verbreitet. Später aber wird sie aus den Publikumsreihen heraus von einem großen Frauenchor gegen die ignoranten männlichen Gegenspieler unterstützt werden.
Lina Beckmann als Medea. Foto: Monika Rittershaus
Devid Striesow bewältigt wieder die eher undankbare Rolle des feigen Iason souverän, Samuel Weiss spielt den konfliktscheuen, nach dem Goldenen Vlies gierenden König von Korinth überzeugend. Besonders begeistert ist das Premierenpublikum, da er nach einem Tag des Textstudiums für den erkrankten Michael Wittenborn (siehe die Kritik zu Teil I) einsprang. Schließlich fährt Wolfram Koch in der Rolle des Athener Königs Aigeus mit einem hippen Lastenrad ein und scheint dabei die Dramatik der Lage Medeas völlig zu verkennen.
Lina Beckmann brilliert einmal mehr als Frau, die in jeder Beziehung einsam ist. Nur über das Falsch-Spiel mit Männern und Kindern kann sie das Rache-Spiel vollenden, ohne jede Hoffnung auf ein Happy End: „Rache ist der Untergang der Welt“ weiß diese so verbohrte wie weise Zerstörerin.
Wie schon am ersten Tag bleiben manche textliche Differenzierungen und Farben aus Schimmelpfennigs Text in der souverän und stilvoll mit vielen Theatermitteln operierenden Inszenierung auf der Strecke. So ist der große Frauenrhythmus-Chor mit Schreien, Stampfen und Klanghölzern sowie stummen Bewegungen pure Expression; die Spiegelungen durch kleinbürgerliche Gruppengespräche sind gestrichen. Die Homogenität des Ensembles ist so groß, dass irritieren kann, wie in diesem Drama um Vertreibung und Heimatlosigkeit Hauptdarsteller:innen mit Migrationshintergrund (abgesehen von dem Belgier Van Boven) im Schauspielhaus nicht vorkommen. Der Erfolg von „Fremde Sonne“ scheint dennoch garantiert.