Kein zweites „Prima Facie“

Suzie Miller: Inter Alia

Theater:Wyndham’s Theatre, Premiere:19.03.2026Regie:Justin MartinMusikalische Leitung:Nick PinchbeckKomponist(in):Erin LeCount / James Jacob PKA Jakwob

Mit „Inter Alia“ zeigt das Wyndham’s Theatre im Londoner West End den Anschlusserfolg von Suzie Miller, die nach „Prima Facie“ gemeinsam mit Regisseur Justin Martin erneut zu Justiz, sexualisierter Gewalt und institutioneller Härte zurückkehrt. Im Zentrum steht diesmal keine Anwältin, die am Rechtssystem zweifelt, sondern eine Richterin, deren berufliche Strenge im Privaten plötzlich brüchig wird.

Emmy-Gewinnerin Rosamund Pike übernimmt die Rolle der Richterin Jessica Parks, die sie schon bei der Uraufführung am National Theatre nahezu pausenlos forderte. Der West-End-Transfer ist weitgehend die Übernahme jener Produktion, die im Sommer 2025 ihre Uraufführung hatte. Eine sichtbare Änderung betrifft die Rolle des Sohnes: Bei der Uraufführung spielte noch Jasper Talbot den Harry, im West End übernimmt nun Cormac McAlinden den Part.

Rosamund Pike als Jessica Parks im Gerichtssaal, auf ihrem T-Shirt der feministische Slogan „Sisterhood is Global“. Foto: Manuel Harlan

Der Verdacht, Suzie Miller liefere bloß ein zweites „Prima Facie“, liegt zwar nahe, greift aber zu kurz. Das juristisch-moralische Spannungsfeld ist zwar dasselbe, die Perspektive aber eine andere. Diesmal spricht eine Richterin Recht, statt selbst Opfer zu sein. Verstrickt wird sie stattdessen durch den Vorwurf gegen den eigenen Sohn.

Spannung aus Alltagsrealismus

Jessica Parks ist als Richterin am Crown Court gewohnt, Entscheidungen mit Autorität zu treffen. Autorin Suzie Miller ergänzt diese souveräne Berufsfigur um eine private Ebene und zeigt Jessica zugleich als Ehefrau und Mutter in permanenter Überlastung. Denn als ihrem Sohn Harry der Vorwurf einer Vergewaltigung gemacht wird, kippt diese Balance abrupt.

Harry Wheatley (Cormac McAlinden) im Gespräch mit seiner besorgten Mutter Jessica Parks (Rosamund Pike) beim West-End-Lauf am Wyndham’s Theatre. Foto: Manuel Harlan

Für das Stück hat Miller – die jahrelang selbst als Strafverteidigerin gearbeitet hat – mit Richterinnen, Juristinnen und Müttern von Söhnen gesprochen. Hinzu kam ihr Blick auf junge Männer, die ihre Vorstellungen von Nähe, Macht und Sexualität immer öfter aus dem Internet, der Pornografie und falschen Männlichkeitsbildern beziehen. Aus diesen Beobachtungen entwickelt sie den zentralen Handlungskonflikt. „Inter Alia“ fragt nicht nur, was strafbar ist. Es fragt, was im Alltag übersehen, entschuldigt oder zu spät verstanden wird und löst damit zugleich den Titel ein, dessen lateinische Bedeutung aus der Rechtssprache „unter anderem“ lautet.

Rosamund Pike als Jessica Parks beim Karaoke. Foto: Manuel Harlan

Gerade darin liegt die Qualität des Textes: Miller beschreibt die Reibung zwischen feministischer Überzeugung, juristischer Praxis und mütterlichem Schutzreflex überaus präzise. Der Text ist auf Tempo hin gebaut, mit schnellen Wechseln, kurzen Zuspitzungen und einer auffällig verdichteten Sprache. Im zweiten Teil formuliert die Autorin manches allerdings zu deutlich aus. Miller vertraut oft mehr der direkten Erzählung als dem tatsächlichen Dialog, wodurch Michael und Harry über weite Strecken eher erzählt als erlebt wirken. Dadurch wird das Stück stellenweise erklärend, fast vortragshaft, und auch die musikalischen Zuspitzungen erzeugen nicht immer zusätzliche Spannung.

Die größte Stärke bringt „Inter Alia“ dort hervor, wo Widersprüche stehen und Situationen für sich sprechen. Ein sexuell aufgeladenes Gespräch kippt unvermittelt in Beklemmung, eine Familienszene wird aus dem Stand bedrohlich, ein komischer Moment bleibt nicht entlastend, sondern hängt nach. Gerade dieser Alltagsrealismus macht das Thema greifbar und setzt die Überforderung der Hauptfigur sehr genau in Form um. Das Drama zeigt, wie schnell Gewissheiten unsicher werden, wenn ein Fall aus dem Gerichtssaal in die eigene Küche rückt.

Rosamund Pike als Jessica Parks in der Küche, dem Ort ihrer Rolle als sich sorgende Mutter im privaten Raum. Foto: Manuel Harlan

Liberales Selbstbild im Zerfall

Es ist ein Luxus, beim Schreiben eine Darstellerin wie Rosamund Pike im Zentrum zu wissen, wie Miller in einem Interview erzählt. „Inter Alia“ zieht daraus großen Gewinn. Dieser enge Zuschnitt auf Pike hat aber auch eine Kehrseite. Es dürfte schwer werden, die Rolle mit einer anderen Besetzung ebenso zwingend zu füllen. Technisch wie emotional ist das Schauspiel so gebaut, dass Pike die entscheidende Trägerin wird. Sie agiert nervös, schnell, körperlich wach und immer nur einen Moment vom Kontrollverlust entfernt – damit liefert sie eine der eindrücklichsten Schauspielleistungen, die derzeit im Londoner Theater zu sehen sind.

Ehemann Michael (m.) und Sohn Harry (l.) als Band, während Jessica Parks (Rosamund Pike) auf dem Küchentisch tanzt und selbst zuhause nie aus der Performance heraustritt. Foto: Manuel Harlan

Nebenfiguren aus Gerichtssaal, Kanzlei und Freundeskreis entstehen dabei allein durch ihre Stimme und kurze Tonfallwechsel, ohne dass weitere Personen auf der Bühne erscheinen. Regisseur Justin Martin und Bühnen- und Kostümbildnerin Miriam Buether setzen auf eine Inszenierung, die den Abend von Beginn an überlagert. Dabei rahmt die Regie die einzelnen Szenen sowohl bühnenbildnerisch als auch lichttechnisch bemerkenswert treffend.

Schon der Auftakt verbindet Gerichtsszene und Rockauftritt, wodurch gleich die Reizüberflutung einsetzt. Neonlicht, Projektionen, ein Mikrofon, Schlagzeug und Gitarre markieren eine Welt, in der selbst richterliche Autorität Performance ist. Ehemann Michael und Harry greifen dabei selbst zu Instrumenten, Michael zur Gitarre und Harry zum Schlagzeug. So wird die Vermischung der Ebenen immer wieder aufs Neue klargemacht.

Jessica Parks (Rosamund Pike) und ihr Sohn Harry als Kind, in einer Rückblende auf seine unschuldige Kindheit. Foto: Manuel Harlan

Jessica und Michael, selbst Jurist, wissen nur zu gut, wie selten Vergewaltigungen vor Gericht geahndet werden und welche Zweifel sich in einem Verfahren mobilisieren lassen. Gerade dieses Wissen bringt eine moralisch schwere Belastung mit sich, weil sich die Frage nach Schuld nicht nur auf Sohn Harry richtet, sondern auch auf die Eltern und ihren Umgang mit dem System. Allerdings bleiben Michael und Harry über weite Strecken auffällig konturlos. Beide dienen vor allem dazu, Jessicas Konflikt voranzutreiben, ohne selbst zu eigenständigen Figuren zu werden.

Die Wohnung verwandelt sich in einen Raum zwischen Erinnerung und Bedrohung. Der Gerichtssaal verschwindet dabei nicht, sondern wirkt im Familienraum weiter. Gerade in diesem Realismus liegt eine besondere Wirkung, weil er das Publikum dazu verleitet, den Konflikt ins eigene Umfeld zu übertragen und unmittelbarer mitzudenken.

Jamie Glover als Ehemann Michael Wheatley. Foto: Manuel Harlan

Am Ende bleibt ein außergewöhnlicher Theaterabend, getragen von einer Hauptdarstellerin in Höchstform, der dem Publikum gerade durch seine nüchterne, bisweilen unangenehme Unmittelbarkeit nahekommt. Bei den Olivier Awards 2026 war das Stück als „Best New Play“ nominiert und Rosamund Pike gewann den Preis als „Best Actress“ für ihre Darstellung der Jessica Parks. Das Drama will wissen, was von Überzeugungen übrig bleibt, wenn die intime Realität sie prüft. Gerade darin liegt seine Verstörung. Nicht im Skandal. Nicht im Urteil. Sondern in der Einsicht, dass das, was vor Gericht verhandelt wird, längst zwischen Menschen beginnt.


Die deutschsprachige Erstaufführung von „Inter Alia“ findet am 31. Oktober 2026 am Düsseldorfer Schauspielhaus statt. Regie führt Anna Stiepani, die Übersetzung stammt von Anne Rabe. Wenige Wochen später, am 1. Dezember 2026, feiert das Stück mit Rosamund Pike am Music Box Theatre seine Broadway-Premiere. Innerhalb weniger Monate erreicht Suzie Millers neues Stück damit sowohl die deutschsprachige Bühne als auch New York.