Der neue "Vor Sonnenaufgang" am Theater Basel

Komplexe vor Sonnenaufgang

Ewald Palmetshofer: Vor Sonnenaufgang

Theater:Theater Basel, Premiere:24.11.2017 (UA)Vorlage:Gerhart Hauptmann: Vor SonnenaufgangRegie:Nora Schlocker

Ganz am Ende ist die Bühne gedreht; die große, mit Vorhängen immer wieder zu- und aufgezogene Öffnung des Hauses zur Terasse zeigt nun nach hinten. Und da geht in Form eines großen Scheinwerfers die Sonne auf; durch den Raum mit den verbliebenen Gestalten des Familiendramas hindurch blendet das Licht das Publikum im Parkett. In den knapp drei vorangegangenen Stunden sind solche Eindeutigkeiten der Regie eher die Ausnahme. Nora Schlocker inszeniert die Uraufführung von Ewald Palmetshofers „Vor Sonnenaufgang“ ohne Überspitzungen, nah am Text. Und diese Neudichtung reduziert Gerhart Hauptmanns gleichnamiges Drama, das am Beginn des Naturalismus im deutschen Theater steht, auf eine sprachlich ausgetragene Krise einer Allerwelts-Mittelstandsfamilie von heute: keine neureichen, dem Alkohol verfallenen schlesischen Bauern, die vom Weltverbesserer Alfred Loth heimgesucht werden; vielmehr trifft Loth (Simon Zagermann) seinen ehemaligen Zimmergenossen aus dem Studentenwohnheim Thomas Hoffmann (Michael Wächter) und verunsichert diesen schon dadurch, dass er kein klares Motiv für den unverhofften Besuch zu haben scheint.

Anfangs ist Hoffmanns neue Familie ganz auf die bevorstehende Geburt durch seine Frau Martha (Myriam Schröder) fixiert; ihre Schwester Helene (Pia Händler) ist vorerst wieder zu Hause eingezogen, Vater Krause (Steffen Höld) mag ein Problem mit Alkohol haben, doch verhält sich Stiefmutter Annemarie Krause (Cathrin Störmer) nicht nur dem unerwarteten Gast Loth gegenüber freundlich und ausgleichend. Die ersten Szenen wirken (hinter der hochgezogenen Frontwand, Bühne: Marie Roth) in der senfgelben Wohnschachtel wie sprachlich ambitioniertes Boulevardtheater: Familienglück mit kleinen Macken.

Am Ende stehen aber nicht nur einige Streitereien sowie die womöglich gescheiterte junge Liebe zwischen Helene und Loth, sondern eine Totgeburt und damit auch die Verschärfung von Marthas Depression. Der Journalist Loth suchte beim Freund vergangener Tage nach den Ursachen für den Hass in der Gesellschaft: „wir driften / auseinander / ich red nicht nur von uns / die Menschen / alle“. Hoffmann rechtfertigt sich in der zentralen Szene für sein (populistisches) politisches Tun: „das Leben ist so undeutlich / da müssen unsere Geschichten nachhelfen“. Nur fake news sind gute Nachrichten? Dichter Ewald Palmetshofer will jedenfalls nicht solche Geschichten erzählen, sondern eher wie Journalist Loth gesellschaftliche Hintergründe beleuchten.

Die bei Hauptmann intensive Verknüpfung von atemberaubendem Geschehen und Äußerungen der Figuren wird so bei Palmetshofer zum komplexen Gedankenaustausch sehr selbstreflektierter und sprachbewusster Personen. Dieser Komplexität des neuen Stücks folgt Schlockers Inszenierung im modellhaften Wohnhaus. Dabei kann sie auf das souverände Ensemble vertrauen. Besonders Michael Wächter als freundlicher Unsympath und Thiemo Strutzenberger als der an der menschlichen Natur verzweifelnde Arzt Schimmelpfennig spielen die Zweifel an ihrer Rede – und damit ihre inneren Kämpfe ­– beeindruckend mit. Bei aller Spannung, die so entsteht, bleiben die Komplexe hinter den Mauern einer ziemlich normalen Familie in der ersten Inszenierung dieser Neuauflage von „Vor Sonnenaufgang“ ziemlich komplex im Sprachkammerspiel aufgehoben.

Newsletter

Alles rund ums Theater in ihrem Posteingang

Abonnieren Sie den Newsletter

Bitte senden Sie mir regelmäßig einen Newsletter mit aktuellen Themen der Deutschen Bühne (herausgegeben durch den Deutschen Bühnenverein) zu. Ich bin mit der Verwendung meiner E-Mail-Adresse durch die Deutsche Bühne einverstanden. Der Heft-Newsletter zur aktuellen Ausgabe der Deutschen Bühne wird alle zwei Monate versendet und informiert Sie über Themen des Printheftes. Ein Newsletter mit aktuellen Online-Kritiken wird alle zwei Wochen versendet. Weiterhin willige ich ein, dass zum Zwecke der optimierten Gestaltung künftiger Newsletter Daten über mein Leseverhalten (Zeitpunkt des Öffnens und der Klicks; Klickverhalten; Standort) und Geräteinformationen verarbeitet werden. Sie können den Newsletter jederzeit, ohne Angaben von Gründen und mit Wirkung für die Zukunft, abbestellen. Eine Abmeldemöglichkeit findet sich z.B. in jedem Newsletter. Weitere Informationen, wie mit meinen personenbezogenen Daten umgegangen wird, sind hier zu finden.